„Diabetes unklaren Typs“

(Patienten-Geschichten sind so verfremdet, dass kein Rückschluss auf Personen möglich ist) See im SommerHeute hab ich etwas erlebt, was mich sehr betroffen gemacht hat. Eine Patientin kam zum zweiten Mal. Das erste Mal war sie vor 4 Wochen da. Ca 65 Jahe alt, sehr schlank, sie wirkt trocken, erzählt, dass vor 4 Monaten der Diabetes entdeckt wurde, mit HbA1c 12,5%, Nüchtern-Zucker über 350mg%, sie habe davor wochenlang sehr starken Durst gehabt, hat  sehr stark abgenommen, kann nun nicht zunehmen…. naja, klingt wie Typ 1, der durchaus auch in diesem Alter auftreten kann. Aber…als sie zu mir kommt, nimmt sie schon 3 Monate lang Metformin. Kein Insulin…
Die Werte wurden besser mit dem Metformin, von nüchtern 350 auf nüchtern 250 – 300 immerhin…  und bei mir, nach 3 Monaten Metformin, hatte sie ein HbA1c von 9,2%…hmmm… ich bitte sie, Auto-Antikörper bestimmen zu lassen. (Wenn die positiv sind, beweist das die Diagnose Typ 1 Diabetes. Wenn die negativ sind, beweist das…gar nichts. Leider. Es gib keinen ganz eindeutigen Labor-Beweis für Typ 2 Diabetes. Weil Typ 1 Diabetiker diese typischen Antiköprer nicht immerzu produzieren. Und so kann man halt nie so ganz 100% sicher sein, dass ein Typ 2 Diabetes vorliegt, wenn die Antikörper negativ sind.) Sie will unbedingt bei Tabletten bleiben. Und erst in 4 Wochen wieder kommen. Ganz wohl ist mir dabei nicht, aber sie wirkt sehr verlässlich, versteht worum es geht, misst ja selbst ihren Blutzucker und verspricht, sich zu melden, wenn der ansteigt… denn wenn sie nun doch einen Typ 1 Diabetes hat, braucht sie schnell Insulin!

Heute kommt sie zum 2. Mal. Ich bin gespannt drauf, wie es ihr geht und auf die Labor-Befunde. Ihr geht es ganz gut, sagt sie, sie hat endlich 1 kg zunehmen können. Sie wirkt gelöster, nicht mehr so angespannt. Die Antikörper sind negativ. Insulin nüchtern im Normbereich, aber tief. Ihre Zuckerwerte wieder besser, nüchtern um 200, tagsüber manchmal schon um 170mg%. OK, machen wir ein HbA1c. 8,7%. Das wird besser. Was ist das wirklich für eine Diabetes-Form? Mich irritiert weiterhin der so heftige Beginn mit HbA1c über 12.  Ich frage genauer nach der Familie. Die Eltern recht früh verstorben, sie hats sicher nie besonders leicht gehabt… und vor gut einem Jahr, da ist was Schreckliches passiert, ein ganz schlimmes Unglück in der engsten Familie. Es ist noch immer schwer, daran zu denken, davon zu sprechen. Wir schweigen kurz miteinander.

Es ist so gut verständlich, dass man in einer so akuten Stressituation die Signale des Körpers lang nicht merkt, dass man für die Gewichtsabnahme den Kummer verantwortlich macht, dass man das viele Trinken, den starken Durst kaum registriert, noch dazu m Sommer… so hat sich der Typ 2 Diabetes  (hoffentlich ists wirklich einer!) langsam entwickeln, verschlechtern können, bis zur Diagnose. Das wär eine Erklärung. Sie hat diese Geschichte beim ersten Mal nicht erzählt, wir kennen uns ja kaum und es ist etwas sehr Persönliches.

Wir kommen überein, dass sie zu ihrem Metformin ein zweites Medikament nimmt, in einem Kombi-Präparat. Und dass sie weiterhin ihren Zucker misst, beobachtet. Und wiederkommt.

War eine ernste, schöne Begegnung, die mich dankbar und nachdenklich zurück gelassen hat.

Über Susanne Pusarnig

Ich bin Ärztin für Allgemeinmedizin, also Hausärztin, im Süden von Wien. Mein Schwerpunkt ist Diabetes mellitus, ich begleite und berate Diabetiker nun schon jahrelang, und es istimmer wieder neu und spannend. Wofür ich mich sonst noch so interessiere, darüber möchte ich im Blog erzählen.
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